Sprachentwicklungsverzögerungen (SEV)
In einem normalen Sprachentwicklungsprozess bilden Kinder im Alter von etwa einem Jahr erste Worte. Erfolgt dieser Schritt des Spracherwerbs erst deutlich später, spricht man von einer Sprachentwicklungsverzögerung.
Sprachentwicklungsverzögerungen können sehr unterschiedliche Ursachen haben, z.B. Wahrnehmungsstörungen, ungenügende sprachliche Anregungen, mangelnde Zuwendung, fehlender Kontakt zu anderen Personen, Vernachlässigung oder Verwahrlosung.
Häufiger sind jedoch medizinische Ursachen wie Innenohrschwerhörigkeit, Schallleitungsschwerhörigkeit, Gehörlosigkeit, Erkrankung der Artikulationsorgane, geistige Behinderung, Autismus, etc.
Auch eine Sauerstoffunterversorgung oder Reanimation im Säuglingsalter kann zu einer Verzögerung der Sprachentwicklung führen.
Ein Verzug des Spracherwerbs kann ebenfalls Ausdruck einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung sein. In jeden Fall hat das Kind Schwierigkeiten, seine Bedürfnisse zu äußern und in sprachlichen Kontakt mit anderen zu treten. Bleibt der Spracherwerb unvollständig, kann dies das Kind in seinem selbständigen Denken, Lernen und Handeln einschränken.
Folgende Bereiche der Sprache können betroffen sein:
aktiver und passiver Wortschatz:Das Kind drückt sich im Vergleich zu Gleichaltrigen ungenauer und unpassend aus, es kennt nicht die richtigen Begriffe und Bezeichnungen.
Sprachverständnis:Sprachverständnisschwierigkeiten bestehen, wenn das Kind den Inhalt von Sätzen nicht versteht, obwohl der ohrenärtzliche Befund unauffällig ist. Es nur bedingt in der Lage, Geschichten, Aufforderungen, Anweisungen oder Erklärungen zu folgen.
Sprachgedächtnis:Eine Einschränkung dieses Bereiches liegt dann vor, wenn das Kind Probleme hat, sich neue Worte zu merken, neue Formulierungen zu erwerben, Regeln der Grammatik zu erlernen oder sprachlich gestellte Anweisungen zu erfüllen.
Phonologie:Hierbei lässt das Kind eine Störung bei der Verwendung von Sprachlauten erkennen. Das heißt, einzelne Laute können von dem Kind zwar isoliert korrekt gebildet, aber nicht gemäß den sprachsystematischen Regeln angewendet werden. Häufig werden sie ausgelassen oder durch andere Laute ersetzt. Diese Kinder haben Schwierigkeiten einzelne Laute aus einem Wort heraus zuhören und können den Wortaufbau nicht erfassen. Diese phonologische Bewusstheit entwickelt sich vorwiegend im Alter von 4-5 Jahren. Haben Kinder noch im Schulalter Probleme im Bereich der phonologischen Bewusstheit, neigen sie häufig zu Lese – Rechtschreib - Schwierigkeiten.
Grammatikalisch Strukturen:Eine Störung in diesem Bereich des Spracherwerbs wird auch als „Dysgrammatismus“ bezeichnet. Sätze werden verkürzt, Funktionswörter werden weggelassen, Präpositionen werden verwechselt, Artikel werden falsch ausgewählt, Konjunktionen sind falsch und auch die verschiedenen Fälle können nicht sicher angewendet werden.
Satzbau:Kinder, die einen Dysgrammatismus haben, weisen in der Regel auch immer eine Störung der syntaktischen Struktur auf. Eine häufig auftretende Syntax-Störung ist die Verb-End-Stellung. Das Kind bildet hierbei Sätze, in denen das Verb stets am Ende steht. Ein Kind, das älter als drei Jahre ist, sollte das Verb bereits größtenteils an der richtigen Stelle des Satzes platzieren können.
Erzählfähigkeit:Das Kind zeigt Schwierigkeiten, Sachverhalte inhaltlich wiederzugeben. Geschichten und Alltagserlebnisse können nur schlecht von ihm verbalisiert werden und dem Zuhörer fällt s schwer, den Inhalt korrekt zu erfassen.
Bei dem Verdacht einer Sprachentwicklungsverzögerung sollten Eltern sich als erstes an einen Kinderarzt wenden. Dort wird das Kind einem Hörtest, eventuell sogar durch einen Pädaudiologen / Phoniater, und weiteren Untersuchungen unterzogen und wenn nötig, an einen Sprachtherapeuten überwiesen. Hierfür stellt der behandelnde Arzt dann eine Heilmittelverordnung aus.
Die sprachtherapeutische Behandlung von Kindern mit einer Sprachentwicklungsverzögerung ist stets individuell an das Kind und seine Bedürfnisse angepasst und es gilt, dem neben dem Abbau der Symptomatik stets die Sprechfreude zu erhalten und zu fördern
Je nach Schwere des Störungskomplexes und Verlauf der Therapie ist es ratsam, über die sprachtherapeutische Behandlung hinaus, eventuell eine weitere Therapieform hinzu zu ziehen, z.B. Ergotherapie oder die heilpädagogische Frühförderung.

